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Leben & Lifestyle

Wir sind ein Volk von Egoisten

Ich höre schon Ihren Aufschrei beim Lesen des Titels. „Nein, das bin ich nicht!“ „Ja genau, die anderen sind alle Egoisten!“ „ICH kümmere mich immer um andere!“. Oder so ähnlich. 

Hand auf’s Herz: Ist das wirklich so? Oder sind wir alle nicht vor allem dann „selbstlos“, wenn es uns keine oder nur wenig Mühe macht, es uns zeitlich gerade in den Kram passt, oder wenn wir „gut dastehen“ wollen?

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Ich behaupte von mir, dass ich ein hilfsbereiter Mensch bin. Aber, und da kann, will und muss ich ehrlich zu mir sein, einfach nicht um jeden Preis. Manchmal gehen ich und meine Bedürfnisse vor. Punkt. Und das ist auch gut so. In dieser Thematik kann man mit vielen plakativen Sprüchen um sich schmeißen. „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht.“ „Jeder ist seines Glückes Schmied.“ Und so weiter. Aber das greift zu kurz.

Zunächst einmal sollte man sich fragen: Ist Egoismus per se denn etwas Schlechtes? „Du Egoist!“ assoziiert bestimmt keiner von uns mit einem positiven Gefühl. Im Gegenteil: Wir fühlen uns beleidigt, gekränkt, missachtet, nicht wertgeschätzt für das, was wir (für andere) tun. Was dabei komplett ignoriert wird, ist, dass Egoismus durchaus etwas Gutes ist. Unser Leben ist endlich, und wenn man nicht gerade maximalaltruistisch veranlagt ist, sollte man so leben, dass man selbst zufrieden ist. Man muss nicht andere zufrieden stellen, das ist niemandes Aufgabe in seinem Leben! 

Nun gibt es in meinen Augen aber Situationen, in denen man seinen Egoismus definitiv zügeln sollte, und zwar, wenn er andere beeinträchtigt oder gar schadet. Richtig, ich spiele auf das aktuelle Pandemiegeschehen an. „Also, ICH bin ja geimpft, ich brauche keinen Abstand mehr zu anderen zu halten!“ „Naja, das wird bestimmt alles nur hochgespielt, ICH veranstalte jetzt eine Party mit 200 ungetesteten und ungeimpften Personen.“ „Meine Nase MUSS aus der Maske heraushängen, sonst bekomme ich doch keine Luft!“ Abstand an der Supermarktkasse interessiert eh schon keinen mehr, und bittet man freundlich darum, dass Abstand gehalten wird, wird man wahlweise angeschnauzt, ausgelacht oder einfach als „Spießer“ bezeichnet.

Orchideen - Fotografie

Und genau das ist die Art von Egoismus, die eindeutig zu weit geht, weil sie anderen schaden kann. Es ist mir, mit Verlaub, scheißegal, ob Sie die Maßnahmen in der Pandemie für grundrechtswidrig halten oder nicht. Es interessiert mich nicht, ob Sie geimpft sind oder nicht. Sie können eine Virenschleuder sein, genau wie ich. Wenn Ihnen Ihre Gesundheit nicht wichtig ist, ist das für mich okay – das geht mich nichts an. Aber meine Gesundheit ist mir wichtig. Die Gesundheit meiner Freunde und meiner Familie ist mir wichtig. Es ist mir wichtig, dass wir alle, Sie eingeschlossen, irgendwann wieder zu einem ganz normalen Leben zurückfinden können. 

In diesem Zusammenhang auch ein direkter Denkanstoß an die selbsternannten Querdenker: Bitte hören Sie auf, sich so einseitig zu informieren. Sie halten sich für „cool“ und „schlauer als die Mitläufer“. Ich versichere Ihnen: Das sind Sie nicht. Sie denken nur einfach zu kurz. Ihr vermeintliches „Hinterfragen“ ist auch nichts weiter, als den Gedanken anderer hinterherzurennen. Sie sind Mitläufer, nur eben in eine andere Richtung.

Welche der beiden Richtungen richtig ist, weiß ich nicht. Ich weiß aber eines, um es mit einem Spruch zu sagen: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Wir wissen viel zu wenig über das Virus und vor allem über die Spätfolgen. Wir wissen nicht, ob das Virus nicht Schäden anrichtet, deren Auswirkungen wir erst Jahre oder gar Jahrzehnte nach der Infektion zu spüren bekommen. In einem Fall, in dem, im wahrsten Sinne des Wortes, die ganze Menschheit betroffen ist, gehe ich lieber vom worst case aus. Und wenn das bedeutet, Abstand zu Fremden zu halten, finde ich das sogar gut. Oder mögen Sie es etwa gern, wenn Ihnen der Hintermann an der Kassenschlange in den Nacken atmet? Oder ist es Ihnen egal, weil Sie zu sehr damit beschäftigt sind, Toilettenpapier zu bunkern …?

Die Pandemie ist nur eines von vielen Szenarien, in denen Egoismus schlicht und ergreifend nichts zu suchen hat. Man findet diesen Egoismus, der anderen schadet, in vielen kleinen Alltagsszenarien. Der nächste freie Parkplatz ist zu weit vom Eingang zum Shoppingcenter entfernt? Ach, dann parke ich einfach auf dem Behindertenparkplatz. Gleiches gilt für Ladestationen für Elektroautos. Mensch, die Leute, für die diese Plätze reserviert sind, sind darauf angewiesen! Was, wenn SIE darauf angewiesen wären und da parkt einer unberechtigt …? Das gäbe aber wüstes Geschimpfe Ihrerseits, dafür lege ich glatt meine Hand ins Feuer.

Wir sind ein Volk von Egoisten. Das ist auch gut so. Wir haben nur dieses eine Leben. Aber wir sind auch eine Gemeinschaft, weshalb wir aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Der Egoismus muss Grenzen haben. Ein Spruch meiner Kindheit war „Was Du nicht willst, das man Dir tu‘, das füg‘ auch keinem ander‘n zu“. Versuchen Sie doch einmal, danach zu leben – denn wir alle haben nur dieses eine Leben.


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Geschrieben von

Autorin. Rechtsanwältin. Apfel-affin. Katzennärrin. Nervtötend.

 
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