Fünf Freunde - vier sterben, einer bleibt verschwunden
Crime

Fünf Freunde – vier sterben, einer bleibt verschwunden

Im Februar 1978 fahren fünf junge Männer von Yuba City in Kalifornien nach Chico, um dort ein Basketballspiel zu sehen. Sie kehren nie zurück.

 

Die Verschwundenen

Die fünf Freunde sind Ted Weiher, Jack Huett, William („Bill“) Sterling, Jack Madruga und Gary Mathias.

 

Jack Madruga ist 30 Jahre alt, hat eine starke Lernschwäche, hat einen Job als Tellerwäscher und ist stolzer Eigentümer eines türkis-weißen 1969er Mercury Montego.

Ted Weiher ist ein sehr liebenswürdiger und freundlicher 32jähriger Mann, der viele Dinge einfach nicht versteht. Als einmal sein Elternhaus brannte, bestand er darauf, liegenzubleiben, da er seinen Schlaf brauche.

Bill Sterling ist 29 Jahre alt und hatte als Tellerwäscher in einer nahegelegenen Air Force Base gearbeitet. Seine Mutter verbot ihm diese Tätigkeit allerdings, als sie herausfand, dass die Gefreiten ihn immer betrunken machten und ihn dann bestahlen. Er hasst es grundsätzlich, von Zuhause weg zu sein.

Jack Huett ist 24 Jahre alt. Aufgrund seines niedrigen IQs kann er weder lesen noch schreiben oder auch nur ein Telefon bedienen.

Gary Mathias ist 25 und ist der einzige in der Gruppe, der keine Lernschwäche hat. Nach der Highschool ging er zur Army, wo er Drogen konsumierte. Als er ein immer aggressiveres Verhalten an den Tag legte, wurde er untersucht; es wurde Schizophrenie diagnostiziert. Er befand sich in Behandlung und nahm regelmäßig Tabletten; seitdem wurde er nicht mehr auffällig.

 

Die Verschwundenen

Alle fünf lebten noch bei ihren Eltern und hassten es, längere Zeit von Zuhause weg zu sein. Sie lernten sich bei einer Basketballgruppe für geistig behinderte Menschen kennen.

 

Der Trip der Freunde

Die Freunde wollen am 24.02.1978 im rund 75 Kilometer von Yuba City entfernten Chico ein Basketballspiel ansehen. Sie steigen also in Jacks Mercury Montego, fahren nach Chico und sehen sich das Spiel an. Auf dem Rückweg halten sie gegen 22 Uhr an einem kleinen Laden, Behr’s Market, und besorgen Snacks und Getränke – Snickers, Limo und Milch. Dann fahren sie weiter – doch sie kommen nie zu Hause an.

 

Fünf Freunde - vier sterben, einer bleibt verschwunden
Foto: Wikipedia, gemeinfrei. Vergleichsmodell.

 

Noch in derselben Nacht verständigen die Eltern die Polizei. Sie halten es für unmöglich, dass die Freunde freiwillig nicht nach Hause kommen – sie hatten selbst am nächsten Tag ein wichtiges Basketballspiel, bei dem sie unbedingt gewinnen wollten.

 

Ein Augenzeuge

In eben jener Nacht Ist der 55jährige Joseph Shones mit seinem Auto auf einem einsamen, kurvenreichen Schotterweg Mitten im Wald in den Bergen des Plumas National Forest in Oroville, unterwegs. Der Pluma National Forest ist etwa 110 Kilometer von Chico entfernt, weitab von jeder direkten Route nach Yuba City. Gegen 17:30 Uhr bleibt er in einer Schneeverwehung stecken und muss sein Auto ausgraben. Dabei erleidet er einen leichten Herzinfarkt, hört auf zu graben und setzt sich in sein beheiztes Auto, um zu warten, bis es ihm wieder besser ginge. Handys gibt es zu der Zeit nicht. Gegen 23:30 Uhr Sieht er hinter seinem Fahrzeug ein Auto mit eingeschalteten Scheinwerfern. Er hört um sich herum eine Gruppe Menschen und sieht den Schein von Taschenlampen. Er erkennt ein paar Männer und eine Frau mit einem Baby. Er ruft zweimal um Hilfe. Doch die Gruppe wird still, die Lichter erlöschen und niemand kommt, um ihm zu helfen.

Als er alles Benzin verbraucht hat, macht er sich am frühen Morgen zu Fuß auf den Weg zu einer etwa 13 Kilometer entfernten Lodge. Der Manager der Lodge fährt ihn nach Hause – dabei kommen sie an einem türkis-weißen, verlassenen Mercury Montego vorbei. Etwa an der Stelle, an der Joseph Shones in der Nacht zuvor Menschen registriert hatte.

Als er ein paar Tage später von den verschwundenen Freunden in der Zeitung liest, meldet er das umgehend der Polizei. Diese hatte bis dato noch keine Spur zu den verschwundenen Männern gefunden. Da die Freunde auf dem Rückweg normalerweise nicht an Oroville vorbei gekommen wären, wurde hier bisher noch nicht nach ihnen gesucht. Am 28.02.1978 findet die Polizei den verlassenen Mercury Montego genau an der Stelle, die Joseph Shones ihr beschrieben hatte. Über 6.000 Stunden suchen die Polizisten im tiefen Schnee nach den Männern. Vergeblich.

 

Das Fahrzeug

Es ist vollkommen unklar, warum die Freunde nachts abseits jeglicher Route nach Hause auf einem Schotterweg in den Bergen unterwegs waren. Bemerkenswert ist, dass das Fahrzeug sehr tief liegt. Die Fahrt auf dem Schotterweg, an dem es gefunden wurde, hätte eigentlich deutliche Spuren auf dem Unterboden hinterlassen müssen. Zumal, wenn der Wagen mit fünf ausgewachsenen Männern besetzt ist. Doch es finden sich keine nennenswerten Kratzer, geschweige denn Beulen, Rillen oder Schlammspuren. Der Fahrer muss entweder extrem vorsichtig gefahren sein, oder er kannte den Weg bis ins kleinste Detail. Von den fünf Freunden war bisher noch keiner jemals an diesem Ort gewesen.

Ein Fenster des Fahrzeugs war heruntergelassen. Im Inneren des Fahrzeugs wurden die leeren Verpackungen der Snacks und Getränke gefunden, die die Freunde in Chico gekauft hatten. Außerdem fand die Polizei das Programm des Basketballspiels, das die Freunde gesehen hatten, und eine ordentlich gefaltete Karte von Kalifornien.

Unklar ist, warum die Freunde das Auto stehen ließen. Zwar war erkennbar, dass das Fahrzeug in einigen Schneeverwehungen stecken geblieben war. Jedoch nicht so tief, dass die Männer ihn nicht hätten herausschieben können.

Als die Polizisten den Motor starteten, sprang er sofort an. Der Tank war noch zu 1/4 voll.

 

Ted Weiher

Ted Weihers Mutter mit Suchbild
Klick für Zoom

Am 4. Juni, die teils vier Meter hohen Schneeberge sind inzwischen größtenteils geschmolzen, stößt eine Gruppe Motorradfahrer ca. 31 Kilometer vom Fundort des Autos entfernt auf einen Trailer. Der Trailer wird vom Forstdienst auf einem Campingplatz unterhalten. Er verströmt einen bestialischen Gestank. Eine Frontscheibe des Trailers war eingeschlagen worden. Im Inneren finden sie jede Menge voller und leerer Konserven. Außerdem Kleidung, Bücher und ein paar Holzmöbel. Und die Leiche von Ted Weiher. Er liegt auf dem Bett, eingewickelt in acht Leintüchern. Bekleidet nur mit einem Shirt und einer leichten Hose. Die Hosenbeine sind hochgerollt, er hat starke Erfrierungen an den Füßen. Einige Zehen sind abgefroren. Er hat etwa die Hälfte seines Gewichts verloren und wog am Schluss nur noch etwa 45 Kilogramm. Ausgehend von der Länge seines Bartes wird vermutet, dass er nach seinem Verschwinden noch etwa acht bis dreizehn Wochen gelebt hat.

Später wird man feststellen, dass die Todesursache eine Kombination aus Verhungern und Unterkühlung war.

 

Der Trailer

Im Trailer werden auch persönliche Gegenstände von Ted gefunden, unter anderem seine Geldbörse mit Geld darin, seinen Nickelring, in den „Ted“ eingraviert ist und seine goldene Halskette. Die goldene Uhr, die ebenfalls im Trailer gefunden wird, gehört nicht ihm. Seine Schuhe werden nicht gefunden. Allerdings findet die Polizei dort die Turnschuhe von – Gary Mathias.

In dem Trailer findet sich außerdem ein Ofen, Papier, Brennholz, Streichhölzer, warme Forstkleidung und 31 leere Konservendosen. An der Außenseite des Trailers findet die Polizei eine volle Gasflasche, die dem Beheizen des Trailers dient, und einen Schrank, in dem sich so viele Konserven befinden, dass sich alle fünf Männer ein Jahr lang davon hätten ernähren können.

Dennoch wurde kein Feuer gemacht. Die warme Kleidung war unberührt. Das Ventil des Gastanks wurde nicht geöffnet. Die in rauhen Mengen vorhandene Nahrung blieb größtenteils unberührt. Laut Teds Eltern war das normal für ihren Sohn. Es fehlte im hierfür an „gesundem Menschenverstand“.

Dass dennoch einige Dosen geöffnet waren, passt zu der Tatsache, dass Garys Schuhe im Wohnwagen gefunden wurden. Die Ermittler vermuten, dass Gary (und evtl. auch Jack Huett) eine Zeit lang zusammen mit Ted in dem Trailer war. Dafür spricht auch, dass die geöffneten Dosen mit einem P-38-Dosenöffner geöffnet worden waren. Gary lernte den Umgang mit diesem Dosenöffner während seiner Zeit in der Army.

 

Jack Medruga und Bill Sterling

Einen Tag später, am 5. Juni 1978, findet die Polizei die Leichen von Jack Medruga und Bill Sterling etwa auf halber Strecke zwischen dem Trailer und dem Fundort des Mercury Montego. Von Bill sind nur noch Knochen übrig; Jacks Körper wurde von Tieren im Wald verteilt. Die Autopsien ergeben, dass beide an Unterkühlung starben.

 

Knochen

 

Jack Huett

Wiederum zwei Tage später findet der Vater von Jack Huett gut drei Kilometer nordöstlich des Trailers die Jacke seines Sohnes. In ihr – das Rückgrat von Jack. Seine Schuhe und seine Jeans werden ebenfalls ganz in der Nähe gefunden. Am nächsten Tag findet ein Sheriff 91 Meter entfernt unter einem Busch einen Schädel. Anhand des Zahnabdrucks konnte er später als Kopf von Jack Huett identifiziert werden. Auch seine Autopsie ergibt, dass er an Unterkühlung starb.

 

Gary Mathias

Da Gary vermutlich seine Medikamente nicht genommen hatte, wird sein Bild an zahlreiche psychiatrische Einrichtungen verteilt. Er wurde nie gefunden.

 

Weitere Funde

Etwa 400 Meter vom Trailer entfernt finden die Ermittler an der Straße drei Decken des Forstdienstes und eine Taschenlampe. Es ließ sich nicht ermitteln, wie lange diese Gegenstände schon dort lagen.

 

Weitere Zeugen

Während der Suche hatte die Polizei überall Flugblätter mit den Bildern der verschwundenen Männer verteilt.

Eine Frau, die in einem kleinen Laden etwa 48 Kilometer vom Fundort des Autos entfernt arbeitet, erkannte zwei der Männer auf dem Flugblatt. Sie erzählt den Ermittlern, sie habe vier der Männer zwei Tage nach deren Verschwinden, also am 26.02.1978, gesehen. Sie seien mit einem roten Pickup gekommen. Der Ladeninhaber bestätigt diese Aussage.

Huett und Sterling seien draußen an der Telefonzelle gewesen, die beiden anderen seien in den Laden gekommen. Der Ladeninhaber erzählt den Ermittlern, dass die Männer, die reinkamen, Weiher und Huett gewesen seien. Sie hätten Burritos, Schokomilch und Softdrinks gekauft.

 

Theorien

Bis heute ist vollkommen unklar, was den fünf Freunden zugestoßen ist. Warum sind sie nicht nach Hause gefahren? Warum verließen sie ein voll funktionsfähiges Fahrzeug leicht bekleidet, im tiefsten Winter, mitten in der Nacht, in einer fremden Gehend? Wie kamen sie zu dem Trailer? Warum trennten sie sich? Kurz: Was ist hier passiert?

Die Ermittler erfuhren, dass Gary Freunde in der Kleinstadt Forbestown hatte. Sie halten es für möglich, dass er auf dem Rückweg einen Abstecher dorthin machen wollte und sie auf dem Weg dorthin eine falsche Abzweigung nahmen. Nachdem sie das Auto verlassen hatten, folgten sie möglicherweise der Spur eines Schneefahrzeugs in der Hoffnung, in dieser Richtung Schutz zu finden. Dieses war am Tag vor dem Verschwinden der Männer dort unterwegs gewesen, um Schnee vom Dach des Trailers zu räumen, damit es nicht einstürzte.

Wahrscheinlich sind Jack Madruga und Sterling bereits auf diesem Weg an Unterkühlung gestorben. Die anderen drei erreichten vermutlich den Trailer. Aus Angst, wegen Diebstahls verhaftet zu werden, trauten sie sich möglicherweise nicht, alle Dinge zu verwenden, die sie dort fanden. Nachdem Ted gestorben war, könnten die anderen beiden versucht haben, wieder zurück in die Zivilisation zu kommen.

Es gibt allerdings auch Fakten, die nicht zu dieser Theorie passen. So war Gary geistig gesund – es ist unwahrscheinlich, dass ein geistig Gesunder nicht alle Hilfsmittel nutzt, um zu überleben.

Ausgehend davon, dass Ted mindestens noch acht Wochen nach seinem Verschwinden gelebt hat, hätte zudem bis zu seinem Tod von drei Männern viel mehr Nahrung aufgenommen werden müssen als die 31 Dosen, die leer gefunden wurden.

Eine andere Theorie ist, dass Gary etwas mit dem Tod seiner Freunde zu tun hat. Er war ihnen geistig überlegen.

Vielleicht fanden sich aber auch alle fünf in einer Situation wieder, mit der sie vollkommen überfordert waren. Und trafen einfach eine Reihe falscher Entscheidungen.

Die Familien der fünf Freunde glauben, jemand habe die Männer dazu gebracht, sich so entgegen ihrer Natur zu verhalten. Vielleicht haben die Männer auch etwas gesehen, das sie nicht hätten sehen dürfen, und waren dadurch so verängstigt, dass sie flohen.

Was wirklich passiert ist, werden wir nie erfahren. Es sei denn, Gary Mathias taucht eines Tages wieder auf. Lebend. Und erzählt uns, was sich tatsächlich an diesem 24. Februar 1978 zugetragen hat.

 

 

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Geschrieben von

Autorin. Rechtsanwältin. Apfel-affin. Katzennärrin. Nervtötend.

 
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